BERLIN PHILHARMONIC, OCTOBER 2018

Järvi betreibt die Mechanisierung der Musik (Lutosławski Concerto for Orchestra), lässt die Philharmoniker aber auch zum Maschinensturm blasen und rettet das menschliche Maß, indem er dessen heillose Gefährdung offenlegt. So kantig und diszipliniert Järvi den Orchesterapparat mitunter befehligt, mit unter Hochspannung zuckenden Gliedern, es sind dann doch die losen Enden zum Schluss des Eröffnungssatzes, die einen besonders bewegen. Diese versprengten, hastig zusammengefegten letzten Reste von Harmonie und Intimität.

Nach der Pause geht Järvi die 2. Sinfonie von Johannes Brahms im Geiste Lutoslawskis an. Schon das eröffnende Kontrabass-Motiv, die schwankende kleine Sekunde, evoziert Lutoslawskis Passacaglia-Thema. Sie ist eben keine Begleitfloskel, sondern ein Menetekel. Von wegen wegen heiter-behaglicher Brahms: Järvi kehrt die verdüsternden Störmanöver hervor und wählt langsame Tempi, sodass Brahms’ charakteristische Duolen-Triolen-Rhythmik erst recht zur Zähflüssigkeit beiträgt. Es rumort – unentwegt … Schön zu sehen, wie einmütig die Philharmoniker mit Järvi musizieren, mit welcher Leidenschaft allein die Konzertmeister Daishin Kashimoto und Noah Bendix-Balgley die Köpfe zusammenstecken.
Der Tagesspiegel, Christiane Peitz, 19 October 2018

 

TONHALLE-ORCHESTER ZURICH, OCTOBER 2018

Das Publikum strömte zu dem Konzert, mit dem Paavo Järvi, der künftige Chefdirigent des Tonhalle-Orchesters, quasi seinen Einstand gab – und die Zeichen für die Zukunft stehen gut. Järvi erwies sich als sensibler Koordinator und souveräner Gestalter.
Neue Zürcher Zeitung, Thomas Schacher, 11 October 2018

Und nun ist sie da, die frische Brise. Sehr frisch wirkt sie, und sie durchzieht das Orchester von A bis Z – bis hin in die Administration, wie aus deren Reihen zu vernehmen war. Ohne Scheu packt Järvi den Stier bei den Hörnern. Zielt er auf das Erbe, das David Zinman hinterlassen hat. Und zeigt er, wie es auch anders gehen kann – bei Gustav Mahler und bei Ludwig van Beethoven. Womit er den Wesenskern des musikalischen Kunstwerks herausstellt. Das nur existiert, wenn es immer und immer wieder gespielt und damit ins klingende Leben versetzt wird. Und das so einem kontinuierlichen Transformationsprozess unterworfen ist.

Wer die Gesamtaufnahme der Sinfonien Beethovens kennt, die Järvi mit der von ihm geleiteten Kammerphilharmonie Bremen erarbeitet hat, wird sich leicht ausmalen können, dass Beethoven mit dem Tonhalle-Orchester und Järvi etwas ganz anders sein wird als Beethoven mit dem Tonhalle-Orchester und Zinman. Dass das auch für Mahler gilt, war jetzt am Beispiel von dessen fünfter Sinfonie zu erleben – höchst eindrücklich war das. Auffallend zunächst die Spielfreude: die Lust, Musik zu machen und genau diese Musik zu machen. Mit kräftigem Körpereinsatz ging Paavo Järvi dem Orchester voran, die Musikerinnen und Musiker wiederum reagierten mit höchster Aufmerksamkeit, letztem Engagement und glänzender Leistung – im Einzelnen wie im Gesamten.
Peterhagmann.com, 11 October 2018

… This was the first of Järvi’s concerts before his official start; however, it virtually felt like the start of his tenure. If this was the first day of his honeymoon with the orchestra, then married life will look rosy, if the cheering after the Mahler symphony was anything to go by … Järvi’s conducting of the Mahler was vigorous, one could even say virile, but without show; he picked up on many nuances to highlight the pathos and anxieties in the work, from anguished shrieks in the woodwind to the blare of the brass … The performance – and the orchestra’s playing – was, in a word, sensational.  At the end of the symphony, large sections of the audience (a full house) erupted; the orchestra seemed stunned. Järvi beamed. He could sense he too had made a wise choice … a Golden Age beckons.
Seen and Heard International, John Rhodes,12 October

The famous Adagietto wove the richest possible orchestral tapestry, and highlighted both a celestial harp and the slightly restrained pacing that fills the listener with the thrill of anticipation … Järvi’s repeated sweep of his palm over his pate showed the Mahler as a truly vigorous athletic workout for any conductor. But the Estonian’s command of the huge configuration was superb, and his rapport with the group seemed as amenable as it was supportive. Expectations are always great on the occasion of a conductor’s new posting, as well they should be. The Zurich public and the Tonhalle’s audience look forward to the Järvi era.

Bachtrack.com, Sarah Batschelet, 11 October 2018
Die Spannung konnte man förmlich greifen: Paavo Järvi trat nach seiner Wahl zum designierten Chefdirigenten auf die Saison 2019/20 erstmals wieder mit dem Tonhalle-Orchester Zürich auf. Mit Mahlers „Fünfter“ entzündete er im ausverkauften Saal grosse Begeisterung.

Aargauer Zeitung, Sibylle Ehrismann, 12 October 2018